Histoire naturo · · 14 Min. Lesezeit · Aktualisiert am

Hippokrates: die 5 Säulen und die 4 Temperamente der Naturheilkunde

Von 14 Zitaten zu 5 Gründungssäulen: Hygienismus, Vitalismus, Holismus, Kausalismus, Humorismus. Plus die 4 hippokratischen Temperamente erklärt.

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François Benavente

Zertifizierter Heilpraktiker

Athen, 430 vor unserer Zeitrechnung. Die Pest wütet in der Stadt. Leichen stapeln sich auf den Straßen. Die Tempel sind voller Sterbender. Die Ärzte fliehen oder sterben selbst. Ein einziger Mann wagt es, sich der Epidemie entgegenzustellen. Er lässt riesige aromatische Feuer an den Kreuzungen entzünden, Scheiterhaufen aus duftenden Holzstücken, Thymian, Zypresse, Wacholder, deren Rauch die Luft reinigt und auf eine Weise, die noch niemand versteht, die Ansteckung verlangsamt. Dieser Mann heißt Hippokrates. Er ist dreißig Jahre alt und hat gerade die erste Tat vollbracht, die zur Naturheilkunde werden sollte.

« Deine Nahrung sei dein erstes Heilmittel. » Hippokrates

Diesen Satz kennt jeder. Man sieht ihn auf Bechern, auf T-Shirts, auf Instagram-Posts. Doch nur wenige verstehen wirklich, was er bedeutet, und noch weniger wissen, dass er nur die Spitze eines intellektuellen Eisbergs von zwölfhundert Seiten ist. Denn Hippokrates hat keinen Aphorismus geschrieben. Er hat das Corpus Hippocraticum geschrieben, ein monumentales Werk, das nicht nur die westliche Medizin begründet, sondern auch die fünf Säulen, auf denen die gesamte moderne Naturheilkunde ruht.

Der Mann hinter dem Mythos

Hippokrates wird um 460 vor unserer Zeitrechnung auf der Insel Kos in der Ägäis geboren, in einer Familie von Ärzte-Priestern. Der Tradition nach ist er der siebzehnte Nachkomme des Äskulap, des griechischen Gottes der Medizin. Ob diese Genealogie historisch oder mythisch ist, sie sagt etwas Wesentliches aus: Hippokrates erbt eine jahrtausendealte medizinische Tradition, die er radikal transformieren wird.

Denn vor Hippokrates ist die griechische Medizin eine Angelegenheit der Tempel. Man kommt ins Asclepieion, den Tempel des Äskulap, schläft dort, wartet auf einen prophetischen Traum, der Priester deutet den Traum, und man geht mit einer göttlichen Diagnose nach Hause. Das ist sakrale, theurgische, magische Medizin. Hippokrates wird eine kopernikanische Revolution vollbringen: er wird die Medizin aus dem Tempel herausführen und auf die Erde stellen. Die Krankheit ist keine Strafe der Götter. Sie hat natürliche Ursachen. Und diese natürlichen Ursachen kann man verstehen, verhindern und behandeln.

Diese Geste ist grundlegend. Sie leitet rationales Denken in der Medizin ein. Doch im Gegensatz zur modernen Medizin, die den Rationalismus soweit getrieben hat, dass sie jede vitale und spirituelle Dimension ausgeschlossen hat, erhält Hippokrates ein subtiles Gleichgewicht. Ja, Krankheit hat natürliche Ursachen. Aber die Natur selbst besitzt eine Intelligenz, eine Heilkraft, einen vitalen Hauch. Hippokrates nennt dies das Pneuma, Pythagoras nannte es Harmonie, und moderne Naturheilkundler nennen es Lebenskraft. Das Wort ändert sich, die Realität bleibt.

Von 14 Zitaten zu 5 Säulen

Wenn man das Corpus Hippocraticum mit den Augen eines Naturheilkundlers liest, findet man darin mindestens vierzehn wichtige Zitate, die zusammengenommen fünf große Prinzipien zeichnen. Diese fünf Prinzipien sind die Säulen der Naturheilkunde. Sie wurden nicht von modernen Naturheilkundlern erfunden. Sie wurden aus dem Werk des Hippokrates extrahiert, destilliert und formalisiert. Marchesseau, der Vater der französischen Naturheilkunde, systematisierte sie im zwanzigsten Jahrhundert, aber das Rohmaterial kommt aus Kos.

Die 5 Säulen der Naturheilkunde nach Hippokrates

Erste Säule: Hygienismus

« Die Kraft, die in jedem von uns ist, ist unser größter Arzt. » Hippokrates

Hygienismus ist das Prinzip, dass Gesundheit durch die Befolgung natürlicher Gesetze erhalten bleibt. Natürliche Lebensmittel essen, schlafen wenn es dunkel ist, sich bewegen wenn es hell ist, reine Luft atmen, sauberes Wasser trinken, im Rhythmus der Jahreszeiten leben. Das klingt einfach, fast trivial. Aber schau dich um. Wie viele Menschen halten sich an diese grundlegenden Regeln? Wie viele essen ultraverarbeitete Lebensmittel, schlafen zu chaotischen Zeiten, verbringen ihre Tage unter Neonlicht eingesperrt, atmen klimatisierte Luft und leben in einem künstlichen ewigen Frühling dank Zentralheizung?

Der hippokratische Hygienismus ruht auf einem zentralen Konzept: die Vis Medicatrix Naturae, die heilende Kraft der Natur. Dieses Konzept bedeutet, dass der Körper in sich selbst die notwendigen Mechanismen zu seiner eigenen Heilung besitzt. Das Fieber, die Entzündung, der Durchfall, die Hautausschläge, der Schleim, all das sind keine Krankheiten. Das sind Abwehrreaktionen, Selbstreinigungsprozesse, Manifestationen der Lebenskraft in Aktion. Die Aufgabe des Therapeuten ist nicht, diese Reaktionen zu unterdrücken, sondern sie zu begleiten, ihnen günstige Bedingungen zu geben, sich zu verwirklichen. Das ist genau das Gegenteil des pharmazeutischen Ansatzes, der das Symptom unterdrückt, ohne sich um die Ursache zu kümmern.

Zweite Säule: Vitalismus

« Die Seele ist dieselbe in allen Teilen des Körpers. » Hippokrates

Vitalismus ist die Anerkennung, dass es in jedem lebenden Organismus eine organisierende Kraft gibt, eine biologische Intelligenz, die sich nicht auf die Summe chemischer Reaktionen reduziert. Diese Kraft nannte Hippokrates Pneuma, vitalen Hauch, und er sah sie als das belebende Prinzip allen Lebens. Das Pneuma ist kein vager mystischer Begriff. Es ist eine klinische Beobachtung. Zwei Patienten mit genau der gleichen Pathologie, den gleichen Analysen, dem gleichen Alter, der gleichen Konstitution, können radikal unterschiedliche Verläufe haben. Der eine heilt in wenigen Wochen, der andere zieht sich monatelang hin. Warum? Weil ihre Lebenskraft nicht gleich ist.

In der Naturheilkunde ist die Bewertung der Lebenskraft die erste Geste des Praktikers. Bevor man sich für die Symptome interessiert, bevor man sich die Analysen ansieht, bewertet man das vitale Terrain. Hat diese Person die Ressourcen für eine Entgiftungskur, oder ist sie zu erschöpft? Kann man sie stimulieren, oder muss man sie erst revitalisieren? Diese Bewertung, die die Grundlagen der Naturheilkunde im ersten Ausbildungsjahr lehren, geht direkt auf Hippokrates zurück.

Dritte Säule: Holismus

« Man muss nicht den Teil des Körpers behandeln, sondern die Gesamtheit des Menschen. » Hippokrates

Holismus, vom Griechischen holos, das Ganze, ist das Prinzip, dass der Mensch ein unteilbares Ganzes bildet und Krankheit nicht verstanden werden kann, wenn man ein Organ, ein Symptom, ein System isoliert. Wenn ein Patient zu mir kommt mit einem Ekzem, schaue ich nicht auf die Haut. Ich schaue auf den Darm, die Leber, das Nervensystem, den Stress, die Ernährung, die Gefühle. Denn die Haut ist ein Ausscheidungsorgan, ein Eliminationsorgan, und wenn sie reagiert, ist es weil etwas anderes weiter oben überläuft.

Diese holistische Vision ist das direkte Erbe des Hippokrates. Im Corpus besteht er darauf, dass der Arzt den Patienten in seiner Gesamtheit kennen muss: seine Geschichte, seinen Wohnort, seine Ernährung, seine Gewohnheiten, sein Temperament, seine Umgebung, seine sozialen Beziehungen, seine Aktivitäten. Es ist eine Medizin der Person, nicht eine Medizin des Organs. Und das ist genau das, was der moderne Naturheilkundler in der Beratung tut, wenn er zwei Stunden für die erste Sitzung nimmt und alle Systeme und alle Ebenen des Seins methodisch erforscht.

Vierte Säule: Kausalismus

« Suche die Ursache der Ursache der Ursache. » Hippokrates

Kausalismus ist vielleicht die revolutionärste Säule. Es genügt nicht, eine Ursache zu finden. Man muss die Kausalkette bis zur Grundursache zurückverfolgen. Ein Patient kommt mit chronischen Migränen. Unmittelbare Ursache: zerebrale Vasodilatation. Zugrunde liegende Ursache: Leberüberlastung. Ursache der Ursache: Ernährung zu reich an Histamin. Ursache der Ursache der Ursache: Dysbiose im Darm, die Histamin nicht mehr korrekt abbaut. Ursache der Ursache der Ursache der Ursache: massiver Antibiotika-Einsatz vor drei Jahren, der das Mikrobiom zerstört hat.

Wenn du die Migräne mit einem Schmerzmittel behandelst, eliminierst du das Symptom, aber die Ursache bleibt. Wenn du die Leber mit einer Drainage behandelst, verbesserst du die Dinge, aber die Dysbiose produziert immer noch zu viel Histamin. Nur wenn du bis zur Wurzel zurückgehst, den Darm reparierst, das Mikrobiom wiederherstellst, löst sich das Problem dauerhaft. Hippokrates hatte das vor fünfundzwanzig Jahrhunderten verstanden. Die moderne Medizin hat das weitgehend vergessen, besessen von unmittelbaren Symptomen und dem Molekül, das sie unterdrückt.

Fünfte Säule: Humorallehre

« Jede Krankheit beginnt mit einer Unvollkommenheit der Säfte. » Hippokrates

Die Humorallehre ist die am meisten missverstandene Säule. Für Hippokrates enthält der Körper vier Säfte: Blut, gelbe Galle (oder Chole), schwarze Galle (oder Atrabile, Melancholie) und Phlegma (oder Lymphe). Gesundheit ist ein Zustand des Gleichgewichts zwischen diesen vier Säften, den die Griechen Eukrisia nannten. Krankheit resultiert aus einem Ungleichgewicht, der Dyskrasie. Zu viel gelbe Galle macht zornig und verursacht hepato-biliäre Störungen. Zu viel Phlegma verlangsamt den gesamten Organismus und führt zu kalten und feuchten Krankheiten. Zu viel schwarze Galle führt zu Melancholie und chronischen Krankheiten.

Natürlich sprechen wir heute nicht mehr von schwarzer Galle oder Phlegma. Aber das Prinzip bleibt gültig: Krankheit entsteht aus einem Ungleichgewicht der organischen Flüssigkeiten, was wir heute humorales Terrain nennen. Gewebsazidifizierung, Toxinüberlastung, lymphatische Stagnation, Blutverdickung, das alles ist nur eine moderne Übersetzung der hippokratischen Humorallehre. Und wenn ein Naturheilkundler eine Drainage-Kur verschreibt, einen Wasserfasten, eine Monodiet, depurative Pflanzen, tut er genau das, was Hippokrates in Kos tat: er stellt die Eukrisia wieder her, das Gleichgewicht der Säfte.

Die 4 Temperamente: das zweite große Erbe

Ein anderer großer Beitrag des Hippokrates zur Naturheilkunde sind die vier Temperamente. Diese Klassifizierung, angereichert und systematisiert durch Galen und später von Marchesseau übernommen, bleibt ein grundlegendes Werkzeug der naturheilkundlichen Beratung. Versteh gut: Die Temperamente sind keine Kästen, in die man dich einsperrt. Das sind Schieberegler, dominante Tendenzen, Lesemuster, die dem Praktiker helfen, seinen Rat zu personalisieren.

Die 4 hippokratischen Temperamente

Das lymphatische Temperament

Der Lymphatiker ist ein Breviligne, das heißt, er neigt zu runden Formen, hängenden Schultern, mondförmigem Gesicht, weichem und kaltem Fleisch. Sein dominierender Saft ist das Phlegma. Sein Element ist das Wasser. Er ist der Kontemplative, der Träumer, der Sanfte, der Geduldige. Er verdaut langsam, er bewegt sich langsam, er reagiert langsam. Sein starkes System ist das Verdauungssystem: er kann alles essen und alles verdauen, zumindest in den ersten Jahrzehnten seines Lebens. Sein schwaches System ist das lymphatische System: langsame Zirkulation, Wassereinlagerung, Neigung zur Verschlackung.

In der Beratung ist der Lymphatiker oft derjenige, der zu mir kommt wegen Müdigkeit, Ödemen, schleichender Gewichtszunahme, wiederholten Infektionen. Die goldene Regel ist, sein Verdauungssystem nicht zu überlasten (das stark aussieht, aber zusammenbrechen wird, wenn es ständig überlastet wird) und sein lymphatisches System zu stärken: sanfte, aber regelmäßige körperliche Aktivität, Trockenbürsten, lymphatische Drainage, stimulierende Pflanzen wie Stechginster oder Rosskastanie.

Das sanguinische Temperament

Der Sanguiniker ist auch ein Breviligne, aber dieses Mal quadratisch, dicht, jovial, ausdrucksstark. Sein dominierender Saft ist das Blut. Sein Element ist die Luft. Er ist der Genießer, der Draufgänger, der Mann der Tat, der Gesellige. Er hat warme Haut, gesundes Aussehen, festen Handschlag. Sein starkes System ist das Drüsensystem: seine Hormone funktionieren gut, seine Vitalität ist hoch, seine Libido ist stark. Sein schwaches System ist das Herz-Kreislauf-System: Bluthochdruck, vaskuläres Risiko, Neigung zu Blutfülle.

Der Sanguiniker ist oft derjenige, der nicht zur Beratung kommt, weil er sich unverwundbar fühlt. Wenn er kommt, ist es oft zu spät: ein Herz-Kreislauf-Ereignis, Diabetes Typ 2, Gicht. Die naturheilkundliche Strategie für den Sanguiniker ist, seine Energie zu kanalisieren, ohne sie zu bremsen: intensive körperliche Aktivität (er braucht sie), dekongestionierende Ernährung, blutdrucksen­kende Pflanzen wie Weißdorn oder Olivenbaum, und vor allem, lernen zu verlangsamen, zu meditieren, die innere Ruhe zu kultivieren, die er nicht von Natur aus hat.

Das cholerische Temperament

Der Choleriker ist ein Longiligne, kantig, trocken, muskulös, nervös. Sein dominierender Saft ist die gelbe Galle. Sein Element ist das Feuer. Er ist der Anführer, der Entscheidungsträger, der Konkurrenzkämpfer, der Perfektionist. Er hat knochiges Gesicht, eckige Kiefer, durchdringenden Blick. Sein starkes System ist das muskuloskeletale System: er ist ausdauernd, widerstandsfähig, zu prolongierten Anstrengungen fähig. Sein schwaches System ist das osteoartikuläre System: frühe Arthrose, Sehnenentzündungen, Rheuma.

Der Choleriker kommt zu mir wegen Gelenkschmerzen, hepatischen Störungen, Reizbarkeit, Schlaflosigkeit. Er isst schnell, arbeitet zu viel, hört nicht auf sich selbst. Die Strategie ist, das Feuer zu dampfen: anti-saure Ernährung, hepatoprotektive Pflanzen wie Mariendistel oder Desmodium, Dehnungsübungen, und vor allem, lernen zu delegieren, loszulassen, zu akzeptieren, dass nicht alles von ihm abhängt. Der Choleriker muss auch seine Gelenke schonen: Kontaktsportarten vermeiden, Schwimmen bevorzugen, Yoga, Tai-Chi.

Das nervöse Temperament

Der Nervöse ist ein feiner Longiligne, dreieckig (schmale Schultern, breites Becken bei Frauen, oder umgekehrt), kalt, trocken, zerebral. Sein dominierender Saft ist die schwarze Galle (Atrabile). Sein Element ist die Erde. Er ist der Intellektuelle, der Künstler, der Denker, der Introvertierte. Sein starkes System ist das Nervensystem: er denkt schnell, er analysiert präzise, er nimmt Subtilitäten wahr, die andere verpassen. Sein schwaches System ist sein hormonales und Immunsystem: Schilddrüsenfragilität, Infektionsanfälligkeit, Nervenmüdigkeit.

Der Nervöse ist mein häufigster Patient. Er kommt wegen Angst, Schlaflosigkeit, funktionellen Verdauungsstörungen, chronischer Müdigkeit, Überempfindlichkeit. Er hat oft ein desorganisiertes Mikrobiom und ein autonomes Nervensystem im Ungleichgewicht (Übergewicht des Sympathikus). Die Strategie ist, das Nervensystem zu nähren, ohne es zu überstimulieren: Magnesium, B-Vitamine, Omega-3, adaptogene Pflanzen wie Ashwagandha oder Rhodiola, kohärente Atmung, Sophrology. Und vor allem, lernen zu verkörpern, seinen Körper zu bewohnen, nicht nur in seinem Kopf zu leben. Der Nervöse muss seine hormetischen Kapazitäten entwickeln, seine Stressresistenz, seine Fähigkeit zu reagieren.

Die goldene Regel der Temperamente

Hippokrates stellte eine einfache und tiefe Regel auf: Überfordere nicht deine starken Systeme, sie werden zusammenbrechen. Stärke deine schwachen Systeme, sie werden deine Verbündeten werden. Diese Regel ist kontraintuitiv. Wir neigen natürlicherweise dazu, das zu tun, was wir gut können, das zu nutzen, was funktioniert, das zu ignorieren, was fragil ist. Der Sanguiniker läuft Marathons, obwohl sein Herz bereits überlastet ist. Der Nervöse liest vierzehn Stunden am Tag, obwohl sein Nervensystem am Rande der Erschöpfung ist. Der Choleriker arbeitet wie ein Besessener, obwohl seine Gelenke um Gnade schreien.

Die Kunst des Naturheilkundlers ist es, diese Tendenz umzukehren. Es ist, dem Sanguiniker zu sagen: Hör auf zu laufen und komm meditieren. Dem Nervösen zu sagen: Leg dein Buch weg und geh barfuß durch das Gras spazieren. Dem Choleriker zu sagen: Delegier diesen Ordner und lass dich massieren. Dem Lymphatiker zu sagen: Steh von dieser Couch auf und beweg dich, auch wenn nur leicht.

Dieser individualisierte, auf das Temperament jedes Patienten abgestimmte Ansatz ist ein direktes Erbe des Hippokrates. Und er ist fundamental in der Naturheilkunde. Es gibt keine universelle Diät, kein Standardprogramm, kein einzelnes Protokoll, das für alle passt. Was den Lymphatiker heilt, kann den Choleriker verschlimmern. Was den Nervösen beruhigt, kann den Sanguiniker einschläfern. Personalisierung ist der Schlüssel. Und diesen Schlüssel hat uns Hippokrates gegeben.

Von Hippokrates zu Marchesseau: die Filiation

Hippokrates stirbt um 377 vor unserer Zeitrechnung, nachdem er sein ganzes Leben gelehrt, behandelt und geschrieben hat. Sein Werk durchquert die Jahrhunderte. Galen übernimmt es in Rom und systematisiert es. Arabische Ärzte übersetzen und bereichern es. Die Schule von Salerno bewahrt es im Mittelalter. Und im zwanzigsten Jahrhundert vollbringt Pierre-Valentin Marchesseau, der Gründer der französischen Naturheilkunde, eine entscheidende Geste: er nimmt die fünf hippokratischen Säulen, artikuliert sie mit den deutschen hygienistischen Traditionen von Kneipp und Lindlahr, und konstruiert die Naturheilkunde, wie wir sie heute praktizieren.

Die fünf Säulen des Hippokrates werden die fünf Grundkonzepte, die in allen Naturheilkundeschulen gelehrt werden. Die vier Temperamente werden ein systematisches Beratungswerkzeug. Die Vis Medicatrix Naturae wird das Gründungsprinzip. Der Kausalismus wird die Methode. Die Humorallehre wird die Theorie des Terrains. Alles ist da, seit fünfundzwanzig Jahrhunderten.

Was Hippokrates uns immer noch sagt

Das, was mich am meisten bei Hippokrates beeindruckt, ist die Modernität seines Denkens. Wenn er sagt « Deine Nahrung sei dein erstes Heilmittel », antizipiert er Ernährungstherapie um fünfundzwanzig Jahrhunderte. Wenn er sagt « suche die Ursache der Ursache der Ursache », antizipiert er funktionelle Medizin. Wenn er sagt « primum non nocere » (vor allem nicht schaden), antizipiert er aktuelle Debatten über medikamentöse Iatrogenie. Wenn er sagt « der Mensch muss Körper und Geist harmonisieren », antizipiert er Psycho-Neuro-Immunologie.

Und vor allem, wenn er vier Temperamente und vier Säfte unterscheidet, wenn er jede Behandlung nach dem Patienten und nicht nach der Krankheit personalisiert, antizipiert er das, was die Präzisionsmedizin heute mit Milliarden Dollar Genomik-Forschung verspricht. Hippokrates praktizierte personalisierte Medizin mit seinen Augen, seinen Händen und seiner klinischen Intelligenz. Er brauchte keine DNA-Sequenzierung, um zu wissen, dass ein Lymphatiker nicht wie ein Choleriker behandelt wird.

« Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, die Gelegenheit flüchtig, die Erfahrung trügerisch, das Urteil schwierig. » Hippokrates

Dieser Satz, der erste Aphorismus des Corpus, fasst alles zusammen. Die medizinische Kunst braucht lange, um beherrscht zu werden. Erfahrung allein reicht nicht aus, sie kann trügen. Das Urteil ist schwierig, es erfordert Demut und Reflexion. Und die Gelegenheit zu heilen ist flüchtig, sie zeigt sich nur dem, der sie zu ergreifen weiß. Fünfundzwanzig Jahrhunderte später erklingen diese Worte immer noch in jeder Beratung, in jeder Ausbildung, in jeder Überlegung des Naturheilkundlers, der aufrichtig versucht, seinem Nächsten zu helfen, die Gesundheit wiederzufinden.


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Gesundes Rezept: Tomaten-Basilikum-Gazpacho: Hippokrates sagte: Deine Nahrung sei dein Heilmittel.

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Jede Woche eine Lektion zur Naturheilkunde, ein Saftrezept und Gedanken über das Terrain.

Häufig gestellte Fragen

01 Was sind die 5 Säulen der Naturheilkunde nach Hippokrates?

Die 5 Säulen sind Hygienismus (den Naturgesetzen folgen), Vitalismus (die Lebenskraft anerkennen), Holismus (den Menschen in seiner Ganzheit behandeln), Kausalismus (die Ursache der Ursache der Ursache suchen) und Humorismus (verstehen, dass alle Krankheiten aus einer Unvollkommenheit der Säfte stammen).

02 Was sind die 4 hippokratischen Temperamente?

Die 4 Temperamente sind das Lymphatische (kurzgliedrig, kontemplativ, dominantes Verdauungssystem), das Sanguinische (kurzgliedrig, heiter, dominantes Drüsensystem), das Cholerische (langgliedrig, Anführer, dominantes Muskelsystem) und das Nervöse (langgliedrig, zerebral, dominantes Nervensystem). Diese sind Schieberegler, keine Kategorien.

03 Was bedeutet Vis Medicatrix Naturae?

Dieser lateinische Ausdruck bedeutet die heilende Kraft der Natur. Hippokrates lehrte, dass der Körper durch das Befolgen der Naturgesetze und das Respektieren der biologischen Prozesse, die durch die Intelligenz des Körpers vorgegeben werden, in sich selbst die Ressourcen besitzt, um sich selbst zu heilen.

04 Wie verwendet man die Temperamente in einer Konsultation?

Die Goldene Regel ist zweifach: die starken Systeme nicht überlasten (die schließlich zusammenbrechen werden) und die schwachen Systeme stärken. Das Lymphatische muss sein Lymphsystem stärken, das Sanguinische seine mentale Arbeit, das Cholerische seine Gelenke schonen, das Nervöse seine hormetischen Fähigkeiten.

05 Welcher Zusammenhang besteht zwischen Hippokrates und Marchesseau?

Marchesseau hat die hippokratischen Temperamente wieder aufgegriffen und systematisiert, indem er die Unterscheidung Konstitution/Temperament und die Konzepte von Dilatation/Retraktion hinzugefügt hat. Die hippokratischen Temperamente dienen als zweiter Filter nach Marchesseaus morphologischer Analyse.

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